Wir haben etwas zu sagen

“Bedenke Mensch, dass Du Staub bist.”

 

von Steffen Glathe

 

Als ich Ende Februar wegen eines unvermeidlichen operativen Eingriffes in einer Münchner Klinik lag, war die Corona-Krise allenfalls als Gischtkamm eines im gesellschaftlichen Bewusstsein noch nicht registrierten pandemischen Tsunamis am Horizont erkennbar. Als mithin noch kein nennenswertes Aufheben darum gemacht wurde, geschweige denn vorstellbar war, welche massiven Einschränkungen das private und öffentliche Leben in Deutschland nur 3 Wochen später würde hinnehmen müssen, stieß das Bundesverfassungsgericht mit seinem Urteil vom 26. Februar, es war der Aschermittwoch, das Tor für die Möglichkeit der geschäftsmäßigen Suizidbeihilfe weit auf.

Die Nachricht wurde in den Vormittagsstunden verbreitet und erreichte unser 4-Bettzimmer via Internet in der wohligen Mattigkeit nach Kontrolle der Vitalparameter, Frühstück und Verbandswechsel. Meine Bettnachbarn, drei Männer unterschiedlichen, auch jüngeren Alters, brachen mit einem Stoßseufzer “endlich, das wurde aber auch Zeit!” beinahe in einen verhaltenen Jubel aus. Ich dagegen war entsetzt, und mit der Darlegung meiner Einwände begann eine hitzige Diskussion, zugleich aber auch der tiefste und persönlichste Austausch untereinander, zu dem es während unseres gemeinsamen Krankenlagers kam.

Von dieser Diskussion, die nicht nur in unserem Krankenzimmer, sondern sogleich im Verlautbaren unterschiedlicher Positionen in einem gesamtgesellschaftlichen Diskurs aufkam, ist nichts mehr zu hören. Man dürfte nicht ganz grundlos einwenden, dass diese Debatte nicht aufgehoben, sondern unter dem Eindruck der Krise und der Notwendigkeit einer ständig aktuellen Information über sich überstürzende nationale, europäische und globale Zahlen, Daten, Fakten, Prognosen, Spekulationen, Mahnungen, Maßnahmenkataloge und Perspektiven lediglich aufgeschoben sei. Aber das plötzliche Schweigen in dieser Frage ist doch bemerkenswert, wo es gerade jetzt, in dieser Corona-Krise, um Leid, Tod und Verlust geht.

25.100 Todesfälle in der Grippesaison 2017/18 ist als Zahl in einer Statistik das eine, der Anblick eines Militärkonvois, der die anders nicht mehr zu bergenden Leichen an Covid 19 verstorbener Menschen nachts durch die Straßen einer norditalienischen Stadt abtransportiert, das andere. Die – im Übrigen unberechtigte – Phantasie, Ärzte würden nun zu frei verfügbaren Sterbehelfern im Dienste der Autonomie des Einzelnen, ist das eine, der Anblick verzweifelt weinender Ärzte, die aufgrund zu knapper Ressourcen zu einer Auswahl der Patienten gezwungen sind, denen intensivmedizinische Hilfe nach ärztlichem und menschlichen Ermessen mit größerer Wahrscheinlichkeit ein Überleben einer Covid 19 Erkrankung ermöglicht, das andere. Das Reden über den Zusammenhang von Lebensqualität und Selbstbestimmung aus der Sicht der Starken, Eloquenten, Reflektierten oder zumindest Selbstbewussten in meinungsbildenden Talkshows ist das eine, das Verstummen über Bilder der notdürftig bedeckten Rücken komatöser Beatmeter, die durch medizinisches Personal gedreht und gewendet werden in der Hoffnung auf eine Überwindung von Krankheit und Schwäche, das andere.

Ich habe meinen Bettnachbarn von einer Patientin aus meiner Studentenzeit erzählt, die unheilbar an Magenkrebs erkrankt war und, weil jede Aufnahme von Nahrung oder Flüssigkeit zu qualvollem Erbrechen führte, sich als Ausdruck ihrer Selbstbestimmung bei klarem Verstand zum Sterben durch Verhungern entschloss. Sie ist übrigens in all den Jahren meiner Berufstätigkeit die einzige geblieben, die eine solche, zurecht respektierte Entscheidung getroffen hat. Die Erzählung löste Entsetzen aus: wenn man schon sterben müsse, dann solle man doch wenigstens nicht Hunger zu leiden gezwungen sein. Wieviel “humaner” sei es doch, die Frau hätte sich eine Beihilfe zum friedlichen und sanften Suizid organisieren können.

Wie unter einem Brennglas tritt darin zu Tage, worum es eigentlich geht: Unter dem nahezu sakrosankten Mantra des Selbstbestimmungsrechtes werden die uns ungefragt zugemuteten existenziellen Bedingungen und damit im Grunde die Wirklichkeit unseres menschliches Leben an sich abgelehnt; die uns ebenso zugeeignete wie aufgegebene personale Verantwortung für unseren entschiedenen Umgang mit diesen Bedingungen wird auf andere übertragen. Dabei würde sich, so auch die Position der Existenzanalyse, in einer grundsätzlich lebensbejahenden, freien Übernahme und Ausübung unserer Eigenverantwortung Selbstbestimmung im existenziellen Sinne überhaupt erst vollziehen. Viktor Frankl, Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, auf dessen Schultern die moderne Existenzanalyse steht, hat seinen Bericht über die Erlebnisse im Konzentrationslager aus dieser Überzeugung heraus deshalb betitelt: “Trotzdem Ja zum Leben sagen.”

Der Historiker und Rechtswissenschaftler Michael Brand zitiert in seinem Artikel “Lebensgefahr” (Herder Korrespondenz 4/2020) den Vorsitzenden des Deutschen Ethikrates, Peter Dabrock:” Suizid unproblematisch realisieren zu können, wird vom Verfassungsgericht geradezu als Besiegelung des allgemeinen Persönlichkeitsrechtes und damit der Menschenwürde ausgelegt. Das verkehrt alles, was das Gericht bislang über Menschenwürde gesagt hat. Es ist ein radikaler Bruch mit der bewährten Rechtskultur, die Selbstbestimmung achtet und schützt, aber immer auch lebensschutzfreundlich ausgelegt hat.”

Es ist nicht zu übersehen – und ich meine, dies erklärt das Verstummen der Diskussion über die Ermöglichung gewerblicher Beihilfe zum Suizid im Grunde –, dass die Auswirkungen der Corona-Pandemie uns schonungslos mit dieser existenziellen Grundbedingung konfrontieren, dass nämlich Krankheit und Tod, ebenso wie im übrigen Schuld, unausweichlich und unvermeidlich zu unserem Menschsein dazugehören und sich unserer Verfügbarkeit entziehen. Es bleibt uns  vor dieser Unausweichlichkeit und Unvermeidlichkeit nur, aber eben dies vor allem, unseren je eigenen Umgang damit zu finden, in dem wir das Leid unserer menschlichen Würde angemessen erleiden und unseren Mitmenschen zu tragen helfen.

In den Jahren meiner psychiatrischen Tätigkeit haben sich 3 psychisch kranke Menschen das Leben genommen. Sie waren nicht mehr in meiner Behandlung, und es wäre schon allein deshalb vergleichsweise einfach möglich und fachlich durchaus nicht unangemessen gewesen, ihren Suizid dem bekannten Risiko einer depressiven Erkrankung zuzuschreiben und von mir selbst fernzuhalten. Tatsache ist, dass jeder dieser Suizide mir eine klaffende Wunde geschlagen hat, deren Narbenschmerz ich sofort spüre, wenn ich an die betreffenden Menschen denke. Es ist der Schmerz aus der existenziellen Tiefe darüber, dass ein Mensch eben nicht mehr vernehmen, nicht mehr daran glauben kann, dass noch dieses durch Krankheit gezeichnete Leben ein Geschenk, seine Person davon unberührt ein Schatz ist für die Welt, die mit dem Suizid einen unwiederbringlichen Verlust erleidet, und das Leben eine eigene Tragkraft hat, aus der wir nicht herausfallen können und die uns herausruft zu unserem je eigenen “Trotzdem!”

Die Krebspatientin aus meiner Studienzeit ist, wie gesagt, in all den Jahren die einzige geblieben, die sich aus freier, bewusster Entscheidung zum Sterben (nicht zum Suizid!) entschloss. Dagegen stehen eine von mir nicht mehr überschaubare Anzahl von Patientinnen und Patienten, die mich nach “einer erlösenden Spritze” gefragt, an den “gnädigen Umgang mit kranken Tieren” erinnert oder allgemeiner damit gehadert haben, dass sie überhaupt noch am Leben sind. Keiner dieser Menschen hat den Tod gewünscht als “Akt autonomer Selbstbestimmung”, der die “Entscheidung des Einzelnen, seinem Leben entsprechend seinem Verständnis von Lebensqualität und Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz ein Ende zu setzen” (zit. n. Urteil des BVG vom 26.2.2020) hervorgebracht hätte. Die vielen haben ihre Lebensbedingungen, wie sie waren, nicht mehr ausgehalten, und das ist etwas ganz anderes!

Wenn wir unter dem Eindruck der Pandemie heute sehen, dass prophylaktischer Bettenleerstand zur Aufnahme möglicher Schwerstkranker wirtschaftlich großzügig ausgeglichen wird, gehört zur Wahrheit, dass in der Vergangenheit die gesundheitspolitische Marschroute durch eine “Geiz ist geil” Marschmusik treffend unterlegt war. Krankenhäuser, die einen alten Menschen nach der dafür “vorgesehenen” Behandlungsdauer nicht unmittelbar entlassen haben, weil die häusliche Pflegestruktur noch nicht gewährleistet war, hatten neben der wirtschaftlichen Einbuße der Kostenerstattung für die “überflüssigen” Behandlungstage, auch noch Strafzahlungen zu leisten. Chronisch schwer psychisch kranke Menschen mit dauerhafter medikamentöser Behandlungsbedürftigkeit haben plötzlich keinen oder nur durch unzumutbare massive Zuzahlungsbeträge ermöglichten Zugang zu dringend notwendigen Medikamenten, die aufgrund der Produktionsverlagerung nach Indien und China nicht mehr verlässlich verfügbar sind. Demenzpatienten werden “wegen Aggressivität und Nahrungsverweigerung” in die Psychiatrie verlegt, wo sie wieder zu trinken beginnen, weil sich jemand findet, der sich die Zeit nimmt, nach dem Lieblingsgetränk zu fragen. Eine Palliativstation muss nach krankenkassenkonformen Begründungen für den Verbleib eines Schwerstkranken suchen, weil sich ein Platz im Hospiz nicht findet, und eine angemessene Versorgung in der Häuslichkeit nicht möglich ist.

Dies sind nur wenige Schlaglichter aus der Praxis dieses noch jungen Jahres, die sich unendlich fortschreiben ließen. Sie zeigen, dass wir an den Grundbedingungen von Krankheit und Tod nichts ändern, das Leben vor dem Horizont dieser Bedingungen allerdings so oder so gestalten können. Und jetzt stelle ich mir vor, nur ein Bruchteil der in der jetzigen Krise bereitgestellten Mittel würde fortan selbstverständlich jährlich in die Gestaltung des gesundheitspolitischen Rahmens für die Kranken, Schwachen und Bedürftigsten fließen.

Es ist nicht schwer zu denken, dass eben jene in ihrer Hilflosigkeit und, worüber weiter zu sprechen wäre, Einsamkeit, bei zunehmend materialistischem und utilitaristischem Blick auf den Menschen rascher zu dem Schluss kommen, es wäre besser, sie seien nicht mehr da, fielen niemandem zur Last. Und es ist sehr leicht zu denken, dass sich Menschen finden werden, die sich dafür hergeben, bei diesem “selbstbestimmten Herzenswunsch” hilfreich zur Seite zu stehen, erst recht, wenn sich ein kommerziell gewinnträchtiges Anwendungsfeld erschließen lässt.

Dabei lehrt uns die Pandemie dieser Wochen auf ganz erstaunliche, gleichsam selbstverständliche Weise das Eigentliche, einzig Angemessene, dass wir nämlich aus der Hingabe leben. Nicht nur professionelle Helfer arbeiten ohne Rücksicht auf ihre Grenzen und die eigene Vulnerabilität, auch die “Systemrelevanten” halten selbstlos die Versorgungsstrukturen am Laufen, Nachbarschaftshilfe wird geübt, Nähe und Beziehung werden als lebensnotwendig entdeckt und nach den gegebenen Möglichkeiten wiederbelebt, Rücksichtnahme auf die Schwachen und besonders Gefährdeten gehen vor Ausleben der eigenen Bedürfnisse.

In der katholischen Liturgie zum Aschermittwoch heißt es: “Bedenke, Mensch, dass Du Staub bist!” Der heilige Benedikt von Nursia, Vater des abendländischen Mönchtums, schreibt in seiner Ordensregel über die Werkzeuge der geistlichen Kunst unter anderem: “den drohenden Tod täglich vor Augen haben.” Eine Kalligrafie dieser Worte steht gerahmt und auch für mein Gegenüber gut sichtbar auf dem Tisch neben den Sesseln in meinem Sprechzimmer.

Dies mag befremdlich wirken, wenn man bedenkt, dass es in der Regel ohnehin schon bedrückte, belastete, mit offenen Fragen sich plagende Menschen sind, die meine psychotherapeutische Unterstützung aufsuchen. Für einen Existenzanalytiker ist dieses “Werkzeug der geistlichen Kunst” die notwendige Vergewisserung des Horizontes, vor dem sich jede Rede über den Menschen, gerade im Schweren, scheinbar Ausweglosen zu verantworten hat. Vor diesem Horizont entfalten und entwickeln wir uns, wenn es gut läuft, im Ringen um die offenen Fragen in den in jeder, also auch in dieser Situation sich aktualisierenden großen Daseinsthemen: Leben können, Leben mögen, Selbstsein dürfen, Sinn erfahren, entwickeln uns, wenn es gut läuft, bis zum letzten Atemzug. Gerade so verdirbt dieses Wort, nicht den Spaß am Leben, sondern vertieft die Freude daran, kann uns helfen, in Freiheit und Verantwortung vor der demütigen Einsicht, dass wir Staub sind und wieder zu Staub werden, nicht irgendein, sondern unser eigenes, als stimmig empfundenes Leben zu leben, auf das wir einmal zurückschauen wollen, wenn wir gehen müssen.

Die Corona-Krise hat keinen Sinn. Ich kann darin weder als Arzt, noch als Theologe oder Existenzanalytiker etwas Gutes sehen. Zur Verlangsamung und Untätigkeit verurteilt, eröffnen sich im täglichen Getriebe übersehene Räume zum notwendigen Nachdenken über das Wesentliche. Dies könnte Folgen zeitigen, das ist alles.

 

 Verfasser

Dr. med. Steffen Glathe

Master of Theology
Facharzt für Radiologische Diagnostik
Arzt in Weiterbildung für Psychiatrie
Existenzanalytiker u.S. (GLE-D)
Referent und Autor

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