Wir haben etwas zu sagen

Von Hamsterkäufen bis zur Triage – der schwierige Umgang mit Schuld

von René Märtin

 

Der Umgang mit Fragen von existenzieller Schuld prägt die Praxis von Logotherapie und existenzanalytischer Beratung: Ein junger Mann sucht Hilfe, weil er bei einem Verkehrsunfall einen anderen Menschen getötet hat. Dass das Gericht ihn rechtlich von jeder Schuld freigesprochen hat, ändert einerseits nichts an der Tatsache, dass er am Tod eines Menschen in irgendeiner Form beteiligt gewesen ist und ändert andererseits auch nichts an der damit verbundenen tief empfundenen existenziellen Schuld. Eine junge Abgeordnete hadert mit sich, weil sie im Bundestag für Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak gestimmt hat – und in der Folge zusehen muss, wie diese Waffen von einem Teil der Kämpfer nicht für die Selbstverteidigung, sondern für die tödliche Abrechnung mit anderen Gruppen eingesetzt werden. Eine berufstätige Mutter von zwei Teenagern entwickelt Schuldgefühle, weil sie ihren und den vermeintlichen Ansprüchen der Umgebung (Familie, Partner, Beruf, Nachbarn etc.) nicht gerecht wird.

Schuld ist hier nicht lediglich eine moralisch-ethische theoretische Kategorie etwa des Rechts, wo weitestgehend geklärt ist, was eine Gesellschaft sanktioniert, um sich selbst und das Individuum zu schützen. Schuld lässt sich auch grundsätzlich existenziell verstehen: Selbst in guter Absicht und bei umsichtiger Lebensführung, beim Einhalten sämtlicher Normen und Regeln können wir anderen Menschen gegenüber schuldig werden, wie das Beispiel des verzweifelten jungen Mannes zeigt. Doch es gibt auch noch uns selbst. Und genauso, wie wir anderen gegenüber schuldig werden können, können wir uns selbst gegenüber schuldig werden.

Zum Menschenbild in Logotherapie und Existenzanalyse gehört es, den Menschen nicht als Ergebnis innerpsychischer Prozesse oder umweltlicher Einflüsse anzusehen, sondern als ein Wesen, das sich in dem, was im Leben zählt, selbst gestalten kann. Hier spielt seine Verantwortlichkeit eine besondere Rolle: Die Freiheit, die wir haben, bedingt auch, dass wir Verantwortung für unser Leben haben. In der Art, wie wir leben, wie und wofür wir uns entscheiden, antworten wir auf die Fragen, die uns das Leben stellt („Ver-antwortung“ – auf welche Lebensfragen geben wir Antwort?). Hier kommen auch Werte ins Spiel, die uns wichtig sind, an denen wir uns orientieren und die uns bei der Lebensbewältigung helfen. Die Eigenverantwortlichkeit besteht darin, eine zentrale Lebensaufgabe darin zu erkennen, unsere Möglichkeiten zu sehen und entsprechend unserer Überzeugungen, Überlegungen und Entscheidungen dieses Leben zu formen. Zu dieser „Schuldigkeit“ nimmt der Begründer der Logotherapie, Viktor E. Frankl, Stellung: „Wenn man dem Menschen die Schuld nimmt (mittels psychologischer Erklärungen abspricht), nimmt man ihm auch die Würde.“ – „Würde“ – Schuld ist für Frankl also auch ein zentraler Ausdruck der Wesenshaftigkeit, des Daseins des Menschen. Sie gehört zu uns, ganz existenziell, und wir haben die Aufgabe, mit ihr umzugehen. In ganz unterschiedlichen Kontexten.

 

Corona und der Mensch im Alltag

In der Krise zeigt sich der Mensch von seiner verletzlichen Seite: Hamsterkäufe von Toilettenpapier, Nudeln und Konserven, Betreiber von Kaufhaus- und Ladenketten, die die Miete prellen wollen, Hersteller und Händler, die mit Wucherpreisen Schutzmasken und andere wichtige Ausrüstung zu vielfach überteuerten Preisen verkaufen, andere feiern Corona-Partys … Es scheint einfach, dieses Verhalten als „schlecht“ anzusehen, weil diese Bewertung möglich wird durch den gesellschaftlichen Kontext und die Situation, in der wir uns derzeit befinden. Normalerweise würden wir uns über denjenigen, der 20 Pakete Toilettenpapier kauft, höchstens wundern. Unsere moralische Bewertung angesichts leer „gehamsterter“ Regale nimmt allerdings nun Maßstab an der Frage von solidarischem und nicht-solidarischem Verhalten. Im Gegenzug kennen wir in der Krise ja auch „gute“ Verhaltensweisen: Nachbarschafts- und Einkaufshilfen, Unterstützung für den lokalen Handel, Vermieter, die freiwillig auf Miete verzichten und schließlich sind es ja auch die meisten Menschen, die sich auch ohne Verbote an die Empfehlungen halten. Solidarität ist deswegen hier der zu benennende Wert, weil die Corona-Krise uns zeigt, wie sehr wir auf ein Miteinander und Füreinander angewiesen sind.

Die eigene Verletzlichkeit besteht dabei nicht so sehr in der unmittelbar angesprochenen Intimität, wenn wir vor leeren Regalen stehen und uns nicht vorstellen mögen, was wir demnächst ohne Toilettenpapier anfangen. Sie besteht vielmehr im Bezug zu dem Leid der vielen Erkrankten und angesichts des Todes, der durch erschreckende Zahlen, etwa aus dem norditalienischem Bergamo, uns vor Augen geführt wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir das aus dem eigenen Erleben wissen (z. B. durch die Erkrankung von Angehörigen oder die Erfahrungen vom Arbeitsplatz z. B. in der Pflege), denn wir bekommen all dies deutlich auch medial übermittelt. Sie prägen derzeit unser Bewusstsein und die Frage, wie wir insgeheim darüber denken und damit ganz persönlich umgehen wollen.

Die Corona-Krise erinnert uns auch an das, was Frankl die „tragische Trias“ genannt hat, drei Dinge, die uns unwiderruflich immer wieder begegnen, die „vom Leben an uns herangetragen“ werden: Leid, Schuld und Tod. Neben aller Freiheit und Selbstbestimmtheit, die wir als Menschen haben, können wir uns niemals vor dem Unvermeidlichen schützen. Alle drei Kategorien geraten in der Krise gewissermaßen unter das existenzielle Brennglas, wir sehen deutlich, wie jedes Leben durch Leid, Schuld und Tod herausgefordert ist. Allerdings sollten wir die tragische Trias unbedingt auch im Zusammenhang mit dem freien Willen sehen: In Logotherapie und Existenzanalyse gehen wir davon aus, dass der Mensch einen freien Willen hat. Wir sind nicht frei von den Bedingungen, wie sie auch sein mögen. Aber wir sind frei darin, alles uns Mögliche auf unsere je eigene Art zu gestalten. Frankls Appell an den freien Willen gilt in Zusammenhang mit Leid, Schuld und Tod dem Freiraum, dem Gestaltungsspielraum den wir haben, im Umgang mit
diesen.

 

Politik in der Herausforderung

Vor allem aufgrund dieser tiefen Dimension gewinnt das Thema an rasanter Brisanz. Die Frage „Was tun?“ (gern auch in Vergangenheitsform, „Was hätte getan werden sollen?“) bestimmt daher auch die gesamtgesellschaftliche Debatte: Bereits 2012 entwarfen deutsche Behörden das Szenario eines weltweiten Corona-Ausbruchs. Hätten sie besser auf die aktuelle Krise vorbereitet sein müssen? In der Entscheidung, wie scharf die Verordnungen etwa in der Angelegenheit der Kontaktsperre ausfallen müssen, sind die Landesregierungen uneins und inkonsequent, als Beispiel sei hier das Hin und Her der niedersächsischen Landesregierung in der Woche vor Ostern genannt (Stichwort „Besuchserlaubnis“). Aber auch der Bezug zu anderen Katastrophen und Krisen wie Sars-Pandemie, Fukushima oder Tsunami wird genannt: Hätte Deutschland aus diesen Katastrophen lernen müssen? Vermeintlich geht es den Kommentatoren vor allem um Fehlentscheidungen, die in der Corona-Krise getroffen werden (und natürlich solche, die in der Vergangenheit getroffen worden sind). Wer in politischer Verantwortung steht, ist sich hoffentlich dieser zentralen Herausforderung bewusst: Was ist richtig, was ist falsch? Kann ich diese Entscheidung mittragen? Wie werde ich in Zukunft auf mein Verhalten blicken? – diese Fragen illustrieren, in welchen Dimensionen sich politische Entscheidungen derweil bewegen. Und es wird deutlich, wie zutiefst existenziell die Coronakrise uns auch als Gesellschaft betrifft.

Die Maßnahmen, die wir aktuell zur Bekämpfung der Auswirkungen von Covid19 erleben, greifen vielfältig in die persönliche Freiheit ein. Besonders problematisch ist, wenn alle Hilfen, Instrumente, Gesetze, Verordnungen und Ver- wie Gebote lediglich Ausdruck obrigkeitsstaatlichen Denkens sind. Eine offene Gesellschaft benötigt deshalb die Debatte, die derzeit nur recht verhalten geführt wird. Der Deutsche Ethikrat, ein vom Bundestagspräsidenten berufener Sachverständigenrat, fordert deshalb die Politik dazu auf, offener über das Ende der Pandemie-Beschränkungen zu sprechen: „Es ist zwar zu früh für Lockerungen, aber nie zu früh für eine öffentliche Diskussion über Perspektiven.“ (Peter Dabrok, Vorsitzender des Ethikrats, NDR, 07.04.2020) Es müsse dabei nicht primär über einen Zeitpunkt diskutiert werden, sondern darüber, was in Zukunft sachlich und sozial nötig sei.

Die individuelle Ebene des Alltags („Wie verhalte ich mich richtig?“) und die politische Ebene von Politik und Gesellschaft („Sicherheit versus Freiheit“) verblassen allerdings an einem neuralgischen Punkt, an dem das Thema eine existenzielle Schärfe erlangt: Beim Umgang mit der Entscheidung über Leben und Tod.

 

Die Triage als ultimative Herausforderung für den Einzelnen, für die Gesellschaft

Deutschland könnte bald etwas erleben, was in der Geschichte der Bundesrepublik beispiellos ist: Bei einer Überlastung der Intensivstationen müssten Ärzte im schlimmsten Fall darüber entscheiden, wer leben darf und wer sterben muss. Rettungskräfte kennen das aus Übungen oder Auslandseinsätzen als „Triage“ (franz. trier ‚sortieren‘, ‚aussuchen‘, ‚auslesen‘) oder „Sichtung“. Bei dieser Priorisierung handelt es sich damit um eine ethisch äußerst herausfordernde Aufgabe, weil Entscheidungen zu treffen sind, die mit großer Wahrscheinlichkeit den Tod einiger Betroffener bedeuten. Wie geht aber unsere Gesellschaft mit diesem Thema um? „Das wäre, wenn die Intensivbehandlung medizinisch eigentlich weiterhin geboten wäre, strikt rechtlich betrachtet ein aktiv-tödliches Handeln“, erläutert der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel, Mitglied des Deutschen Ethikrats (dpa, 06.04.2020) Und damit gäbe es nicht nur eine existenziell empfundene Schuld am Tod von Menschen, sondern auch eine juristisch belangbare. Der bereits erwähnte Ethikrat nimmt dazu in seiner Publikation „Solidarität und Verantwortung in der Corona-Krise“ Stellung: der Arzt könne in einem solchen Fall „mit einer entschuldigenden Nachsicht der Rechtsordnung rechnen“ (ethikrat.org, 27.03.2020). Dazu wieder Merkel: „Eine moralisch schuldfreie Entscheidung gibt es in einer solchen Situation gar nicht. Aber vor dem Strafrecht muss man die Ärzte in einer so dramatischen Situation so gut es geht bewahren.“ Die Diskussion verschärft sich an dieser Stelle anhand der Frage, ob Menschenleben gegeneinander aufgerechnet werden können („Alte“ Leben versus „Junge“ Leben etc.).

Die deutsche Verfassung stellt klar, dass „menschliches Leben und menschliche Würde ohne Rücksicht auf die Dauer der physischen Existenz des einzelnen Menschen gleichen verfassungsrechtlichen Schutz genießen“ (Bundesverfassungsgericht, 2006). Damit steht die ethische Betrachtung in Deutschland gegen die Moralphilosophie des Utilitarismus (das kollektive Wohl soll maximiert werden, größtmögliches Glück für eine größtmögliche Zahl von Menschen), wie sie in vielen anderen Ländern praktiziert wird. So aktuell bei der Auswahl von covid-19-Patienten unter anderem in Italien: Hier gilt die Maximierung der zu erwartenden Lebensdauer der Patienten als Kriterium für die Versorgung seitens des medizinischen Personals. Die Praxis von Logotherapie und Existenzanalyse kontrastiert und wendet sich schon mit Frankl entschieden gegen den Utilitarismus, und zwar mit dem Verweis auf die Bedeutung des Einzelnen in seiner spezifischen Würde. Als Lösung bliebe in dem Dilemma der Triage im Fall „einer Überlastung der Intensivstationen, per Los zu entscheiden, um absolute Chancengleichheit zu gewährleisten“ (dpa, 06.04.2020). Auch hier entkommen die betroffenen Entscheider ihrer existenziellen Schuld nicht, im Gegenteil: Bei den Beteiligten und vor allem den „Letzt-Entscheidern“ kommt es auf der persönlichen Ebene in der Folge oft zu Schuldgefühlen oder posttraumatischen Belastungsstörungen. In Deutschland ist deshalb die Entscheidung über Leben und Tod nach Möglichkeit immer im Team zu treffen. Letztlich bleibt aber der Einzelne mit der Frage allein, wie er einen Umgang damit findet.

 

Selbstbestimmung und Freiheit stärken, Solidarität leben

Wenn sich die überwiegende Mehrheit der Menschen angesichts der Corona-Krise solidarisch und vernünftig verhält, dann zeigt das, wie stark der Wert Solidarität in unserer Gesellschaft verankert ist. Es stellt sich aber auch die Frage, wie stark der „starke Staat“ überhaupt eingreifen soll. Die Debatte hierüber sollte offen und transparent im gesellschaftlichen Miteinander geführt werden. Hierin liegt die besondere Verantwortung von Politik, dieses Thema nicht „unter sich“ auszumachen.

Auch im Sinne von Logotherapie und Existenzanalyse sollte das Ziel sein, Menschen zu selbstbestimmter, eigenverantwortlicher Solidarität zu ermuntern und solidarisches Verhalten zu fördern. Verbote und Strafen machen erst Sinn, wenn daraus ein großer, unwiederbringlicher Schaden für die Gesamtheit entsteht. Das bedeutet, Hamsterkäufe auch aushalten zu können und lediglich über soziale Verhaltensregeln einzudämmen. Viel wichtiger ist es jedoch, stärker den Leistungsbegriff der Logotherapie und Existenzanalyse zum Leben zu erwecken: Leistungsfähigkeit, Liebesfähigkeit und Leidensfähigkeit sind angesichts der Frage besonders auch von Leid, Schuld und Tod wichtige Schlüssel für ein gemeinsames Bewältigen der Krise. Wer sich selbst überwindet und für andere einsetzt, solidarisch mit ihnen ist, erfährt Selbstwirksamkeit. Das Erleben schöner Dinge gerade auch in schweren und düsteren Zeiten (Natur, Kunst, Musik …) stärkt die Liebes- und Hingabefähigkeit. Es gibt kein Leben ohne Leid, Schuld und Tod. Daher gilt es auch, die eigene Leidensfähigkeit zu entwickeln, um das Leben im Schatten von Corona bewältigen zu können. Und schließlich benötigen diejenigen Unterstützung und Begleitung, die helfen. Das gilt ganz besonders für jene, die die schwierigsten Entscheidungen in der gegenwärtigen Krise treffen müssen.

 

 Verfasser


René Märtin
Logotherapeut und existenzanalytischer Berater (GLE-D)
Coach, Supervisor, politischer Berater
Gründer des Deutschen Empowerment-Instituts

 

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