Wir haben etwas zu sagen

Wie mit Corona umgehen?
Annehmen, aushalten, loslassen

von Frank Gottschling

 

Durch Corona werden viele unserer Grundfesten brüchig. Grundfesten, die uns viel­­leicht schon länger als solche gar nicht mehr so bewusst waren, irgendwie selbst­ver­ständlich waren: Gesundheit, Versorgung, Bewegung, Begegnung, Arbeit oder Ver­dienst. Das Besondere an Corona ist, dass fast alle unserer Grundfesten auf einmal betroffen sind – und nicht nur ein oder zwei. Das ist das besondere Ausmaß dieser Si­tuation.

Wir machen durch Corona die schmerzliche Erfahrung, dass das Leben in dieser Welt generell gefährlich ist. Eine Welt mit einer Vielzahl von Gefährlichkeiten, mit de­nen wir uns als einzelne abgefunden haben. Ja, wir wissen es: wir könn­ten einem Ver­kehrsunfall zum Opfer fallen, mit dem Flugzeug abstürzen und schwer erkranken. Sollten wir wegen dieser Risiken das Haus nicht verlassen, nicht in den Urlaub flie­gen, unser Leben nicht genießen? Natürlich nicht.

Wir haben uns arrangiert. Weil für uns die Lust auf Leben mehr wert sind als die da­mit verb­undenen Risiken. Wir haben Werte und mögliche Bedrohungen miteinan­der ab­gewogen. Die Bedro­hun­gen mit der Zeit ausgeblendet und uns auf die (risiko­be­­haf­­teten) Werte wie Be­we­gungsfreiheit, Schnelligkeit, Neugier oder Abenteuerlust fo­kus­siert.

Sicherheit ist eines unserer wichtigsten Grundbedürfnisse. Verschiedene Sicherhei­ten machen es uns möglich, in dieser Welt sein zu können. Sicherheiten geben uns z.B. unsere Familie, unsere Arbeit oder unser Glauben. Sicherheiten holen wir uns z.B. über Versicherungen, Fensterverriegelungen mit Pilzkopfverschluss, Airbags im Auto oder finanzielle Rücklagen.

Fehlen uns diese Sicherheiten, erleben wir das als Verunsicherung oder sogar Be­dro­hung. Im schlimmsten Fall als Bedrohung unserer Existenz. Und damit meinen wir nicht nur die wirtschaftliche Existenz. Existenzbedrohlich im weiteren Sinne wird es für uns, wenn wir in der freien Gestaltung unseres Lebens eingeschränkt oder gehin­dert werden. Eine mögliche Ausgangssperre oder die behördliche Schließung von Geschäften sind radikale aktuelle Beispiele.

Blicken wir insgesamt auf die aktuelle Situation, so haben viele von uns ein Gefühl der Un­wirk­lichkeit. „So etwas haben wir uns niemals vorstellen können“ – es sprengt einfach unsere Vorstellungkraft. Wir kommen ins Staunen. Es ist schon sehr surreal, wenn bei schönstem Oster­wetter draußen keine Menschen spazieren gehen, wir in den Osterferien unse­re Verwand­ten nicht besuchen oder Karfreitag nicht in die Kir­che gehen. Und weil man das Virus nicht sehen kann und es ja die allermeisten Men­schen gar nicht ha­ben. Eine Bedrohung, die anfangs sehr weit weg war, auch wenn wir die Ausbreitung in China am Fernseher mitbekommen haben.

Und es passiert automatisch das, was wir als Schutzmechanismus in uns „einge­baut“ haben, wenn wir solch einer Bedrohung ausgesetzt sind: „das kann nicht sein“, „das wird uns nicht tref­fen“, „das geht an uns vorbei“. Diese sogenannten Coping­reak­­tio­nen helfen uns, mit bedrohlichen Situationen fertig zu werden. Selbst einige Staats­­oberhäupter haben anfangs versucht, die Gefährdung runterzuspielen oder so­gar zu leugnen. Weitere solcher Reaktionsmuster sind der Kampf gegen das Corona-Virus oder der Hass auf das Corona-Virus. Und wenn gar nichts mehr geht, dann schot­ten wir uns ab – als Individuum oder auch als Staat: Tür zu – Grenzen dicht, Hä­fen dicht!

Zeichen einer großen Ohnmacht und auch ein wenig Naivität. Denn an der Gefahr ändert sich dadurch grundsätzlich nichts. Vordergründig schützen uns solche Verhal­tensmuster erstmal vor Überforderung, zu eine (Er-)lösung tragen sie nicht bei. Es ist keine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Corona-Virus, wir haben das The­­ma nicht an uns herangelassen, keine Stellung bezogen.

Was ist zu tun? Wieder in ein freies Handeln kommen wir nur, wenn wir uns von der Bedrohung berühren lassen, uns mit ihr auseinandersetzen. Schritt eins ist da­bei ei­ne eher sachliche Annäherung: worum geht es eigentlich? „Was ist Corona ei­gent­lich, wie steckt man sich an, wie steckt man andere an, was sind Anzeichen der Er­kran­kung, wie sieht der Verlauf der Ansteckungen und Gesundungen aus, welche Em­pfehlungen und auch Regeln sind gegeben bzw. angeordnet worden?“ sind z.B. hilf­reiche Fragen. Antworten dazu bekommen wir über eine Vielzahl von Kanälen. Teil­weise ist man schon überdrüssig von der Informationsflut. Gut ist, dass diese In­for­mationen in sich ziemlich schlüssig und übereinstimmend sind. Schwierig ist, dass insbesondere die Ausbreitungsverläufe mit Statistik zu tun haben und unsere Vor­stel­lungskraft zu exponentiellen Verläufen nicht gut entwickelt ist. Wir denken eher line­ar, also mit gleichmäßigen Zunahmen. Deshalb fehlt den meisten von uns auch die Vor­stellung über den (Kurven-)verlauf der Ansteckungen.

Schritt zwei ist herauszufinden, was das Thema Corona eigentlich bei uns persön­lich antriggert. Oft ein Thema, das schon länger in uns schlummert. Bei dem es um et­was für uns sehr Wesentliches geht. Das kann z.B. die Sorge wegen einer persön­li­chen Vorerkrankung sein, die Gefährdung der beruflichen Existenz oder das nur schwer auszuhaltende Gefühl der Einsamkeit. Sich diesen persönlichen The­men zu nähern, ist die eigentliche Herausforderung. Und dabei mit sich selbst nicht wegen dieser vermeintlichen Schwäche zu hadern, sondern eher verständnisvoll mit sich selber sein.

Aus diesem Verstehen ergeben sich zwei Lösungswege für den Schritt drei: zum ei­nem der Umgang mit dem Thema Corona und zum anderen der Umgang mit unse­rem persönlichen Thema. Ja, eine Krise ist immer auch eine Chance – wenn wir sie ergreifen. Was kann ich z.B. tun, um aus der – auch vor Corona schon quälenden – Einsamkeit herauszukommen? Die Gelegenheiten waren schon lange nicht mehr so günstig: Gerade jetzt sind meine Nachbarn, meine Arbeitskollegen, meine Händler in der Umgebung so bereit wie nie, auf mich zuzugehen, mich zu unterstützen, mir Ab­wechslung anzubieten. Da muss ich gar nicht proaktiv sein, sondern mich (nur) da­rauf einlassen.

Alle drei Schritte führen dazu, dass wir die Bedrohung(en) durch die Corona-Krise et­was besser annehmen und aushalten können. Damit ist eine Qualität gemeint, die über ein reines „sich damit abfinden“ hinaus geht. Wir nehmen nicht nur das The­ma Corona an, sondern auch uns selbst mit unseren Betroffenheiten. Um daraus mehr Kraft zu schöpfen, dem Schweren, Ängstigen, Problematischen einen Widerstand ent­­­­gegenstellen zu können.

In unserer freiheitlich geprägten Demokratie bedeutet das aktuell vor allem, Ein­schrän­­kungen unserer persönlichen Freiheit annehmen und auszuhalten zu kön­nen. Sich nicht nur gefallen lassen, sondern mitzutragen, dass Regierungen, Äm­ter und Wissenschaftler uns vorschreiben, was wir dürfen und vor allem nicht mehr dür­fen. Sich solidarisch und vorbildlich verhalten, auch wenn wir z.B. persönlich kei­ne Angst vor einer Erkrankung haben. Den Mundschutz zu tragen, um Andere zu schüt­zen. Auf trickreiche Umgehungen von Anordnungen verzichten.

Und nach vorne ge­schaut: Rücksicht darauf nehmen, dass es für eine längere Zeit  Gruppen mit sehr unterschiedlichen Situationen und Befindlich­kei­ten geben wird: An­gesteckte, Kranke und Gesundete, vor Ort und im Home Office Arbeitende, noch ge­schlossene und bereits wieder geöffnete Geschäfte, Gewinner und Verlierer der Kri­se, sich abschottende Risiko­grup­pen und jene, die die wieder­er­langten Frei­hei­ten genießen. Vielleicht ist dies die größ­te gesell­schaft­liche Herausforderung der nächs­ten Zeit, in dieser Unterschiedlichkeit miteinander und füreinander zu leben.

 

Verfasser

Frank Gottschling

Existenzanalytischer Berater
Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Logotherapie und Existenz­ana­ly­se
(GLE-D) – www.gle-d.de

Kontakt:

 

Literatur

Kolbe C (2014) Existenzanalyse 27/2/2010: Zur Bedeutung der Psychodynamik in der existenzanalytischen Psychotherapie

Kolbe C (2010) Existenzanalyse 31/2/2014: Person und Struktur. Menschsein im Spannungsfeld von Freiheit und Gebundenheit

Längle A (2008) Existenzanalyse. In: Längle A / Holzhey-Kunz Existenzanalyse und Daseinsanalyse. Wien: Facultas, 23-179

 

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