Internationaler Kongress der GLE-I 2018 in Dresden

Nachlese zum Kongress 2018 von Ingo Zirks

Dresden, das deutsche Elbflorenz, hat uns mit besten Bedingungen empfangen: Das Wetter war fantastisch, der Ort prima, das Konzert in der Jungfrauenkirche ein Kontrapunkt gegenüber einem dichten Tagungsprogramm.

Das Thema hat es uns nicht leicht gemacht. Es gibt zahlreiche Entwicklungstheorien und -modelle, aber Ansätze zu finden für eine existentiell-phänomenologische Theorie hat offenbar alle herausgefordert. Erste Teile und Ansatzpunkte einer Formulierung eines existenziellen Verständnisses sind sicherlich gefunden. Viele Aspekte von förderlichen oder hinderlichen Einflüssen und Haltungen konnten in den Vorträgen angesprochen und benannt werden.

Die Referenten der anderen Denk- und Therapieschulen versuchten, den Konnex zur Existenzanalyse zu schaffen. Psychologische und existentiell-phänomenologische Perspektiven blieben gleichwohl ein wenig unverbunden nebeneinander stehen. Psychologisches und existentielles Wachstum meint kategorial Unterschiedliches, verläuft streckenweise parallel, wenn auch nicht gesetzmäßig. Schon den Begriff Wachstum auf die personal existentielle Dimension anzuwenden, verkennt das Wesen der Person. Person ist und zeigt sich im Hier und Jetzt. Sie wächst nicht nach einem vorgegebenen Bau- oder Entwicklungsplan, da sie als ein freies Potential verstanden werden kann.

Alfried Längle eröffnete den Kongress mit dem Vortrag „Das Sein ist im Werden. Entwicklung im existentiellen Paradigma“. Er sprach vom Sein des Menschen, das auf Werden angelegt und somit nicht statisch sei. Er zeichnete insoweit die Perspektive eines stufenweisen Entwicklungsprozesses, dessen Etappen er mithilfe der Grundmotivationen ordnete.

Eva Maria Waibel sprach – ausgehend vom Personverständnis der Existenzanalyse – in ihrem Vortrag von der Bedeutung personaler Begegnung für das innere Wachstum des Kindes.

Christoph Kolbe hielt seinen Vortrag „Von der Kunst erwachsen zu werden. Entwicklung durch Selbsterkenntnis.“ Die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen und sich den schicksalhaften Lebensthemen zu stellen, bedarf hiernach einer genügend stabilen personal-strukturellen Stabilität. Hierzu muss die Perspektive sowohl auf die existenzielle Dimension, wie auch auf strukturelle Gegebenheiten gerichtet werden.

Lilo Tutschund Renate Bukovski zeigten uns u.a. am Leben von V. Frankl, wie Traumatisierungen ihre Spuren hinterlassen. Sie wendeten den Blick darauf, dass derartige Traumata innere Wachstumsprozesse und die Ausbildung von Ressourcen fördern können.

Helmut Dorra stellte anschaulich unter der Überschrift „Kontinuität und Wandel“ die Aufgabe des alt werdenden Menschen heraus, der sich an den Übergängen seines Lebens von Möglichkeiten und Gegebenheiten verabschieden muss, um sich auf die neuen, noch vor ihm liegenden Herausforderungen einlassen zu können. Die biografische Rückschau kann danach zur Vergewisserung der Identität führen und auch mit einer Integration mit dem je individuell Erlebten einhergehen.

Torsten Passie stellte das Leben und Werk von Viktor von Gebsattel in den Vordergrund und zeichnete Bezüge zur Gedankenwelt Viktor Frankls nach.

Ingo Zirks beschrieb aus seiner Erfahrungspraxis als Psychoonkologe, wie eine Krebsdiagnose die Vergänglichkeit als gesicherte Möglichkeit in den Vordergrund eines Lebens rücken und somit zu einer Revision der persönlichen Wertehierarchie führen kann. Ein wichtiges Anliegen war ihm dabei auch die Frage: „Was können wir unseren Patienten angesichts derart existenzieller Erfahrungen an innerer Haltung noch abverlangen?“

Im Interview zeigte sich Irving Yalom erfrischend, gewohnt frech und zugleich einsichtig. Er ehrte Viktor Frankl und die Logotherapie für ihre Tiefe des Ansatzes, ohne seine Kritik am direktiven Stil von Viktor Frankl zu verschweigen, den er – wie er sagte – als U.S. Amerikaner äußerst befremdlich fand. Das können wir aus heutiger Sicht nachvollziehen, da Psychotherapien auch Schulen übergreifend heute eher dialogisch – kooperativ und auf möglichst gleicher Augenhöhe geführt werden.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Romuald Brunner berichtete u.a. anhand der unterschiedlichen Entwicklung von neuronalen Netzwerkstrukturen von der sensiblen Phase der Pubertät für die Entstehung psychischer Störungen.

Jürgen Kriz, ein alter und geschätzter Bekannter auf unseren Kongressen und Kenner der Existenzanalyse, verglich unterschiedliche humanistische Ansätze in Bezug auf ihre Konzepte von Wachstum und Entwicklung. Und er brachte seine Perspektive der vier Prozessebenen von „Subjekt und Lebenswelt“ zur Sprache.

Der Wiener Herbert Pietschmann sprach über das Verhältnis von „Bewahren und Erneuern“ und wandte sich gegen eine Verabsolutierung des einen oder anderen.

Karl Heinz Brisch gewährte uns in einem lebhaften Vortrag Einblick in die Erkenntnisse der Bindungsforschung für die Entwicklung der Beziehungsfähigkeit des Menschen.

Die Symposien und Workshops und die Dialogveranstaltungen waren gut nachgefragt. Wieder einmal zeigte sich in den zum Teil regen Diskussionen die enorme Vielfalt der Anwendungsfelder der Existenzanalyse in allen Bereichen, in denen es um den Menschen und die Begegnung geht.